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Martina & Peter


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EL CAPITAN ZODIAC

Martina & Peter klettern
 
im Juni 2007 die Route

"Zodiac"

am El Capitan

Grüne Linie: The Nose                                Rote Linie: Zodiac

Wandhöhe:   600m

Zeit:   4 Tage

Schwierigkeit:  VI 5.7 A3/C3F

Charakter:   technisch sehr schwierige, steile und überhängende Kletterei, 4 Tage große Ausgesetztheit

Schlafplatz:    Portaledge (Alubett)

Ausrüstung:   2 Haulbags, 3 Seile, 35 Liter Wasser, Proviant für 5 Tage, Schlafsäcke, viel Sicherungsmaterial und ein Wecker

Kommentar:   Irre

 

Martina und ich machten wieder einmal Urlaub im Yosemite Nationalpark, und es stellte sich die Frage, welche Route wir in diesem Jahr klettern wollten. Eines war uns klar, wir sollten unbedingt unsere neue Portaledge testen. Eine Portaledge ist ein Hängebett zum Schlafen in der Wand. Dieses Bett wird in einem eigenen Sack verstaut und nachgezogen. Es besteht aus mehreren Alustangen, welche mit einer Schnur miteinander verbunden sind. Beim Aufbau müssen diese Stangen zusammengesteckt werden und anschließend wird ein reißfestes Material darüber gespannt. Es besitzt einen zentralen Punkt zum Aufhängen an einem Haken in der Wand. Dazu gibt es für den Fall, dass es zu einem Schlechtwettereinbruch kommt, auch noch ein Überzelt. Auf festen Boden stehend ist der Zusammenbau relativ einfach zu bewerkstelligen, in der steilen Wand jedoch kann das zu einem ganz schönen Problem werden. Man hängt ja völlig frei im Seil, hat keinen Boden unter den Füssen und muss nun versuchen, das Gestänge richtig zusammen zu stecken.

Eine Partaledge bietet oft den einzigen ebenen Platz in so einer „Big Wall“ und es ist der einzig wahre Komfort beim Schlafen.

Steiler Start  

Die Route Zodiac schien für unseren Test ideal zu sein. Eine steile und sehr überhängende Route im rechten Wandteil des El Capitan. Gute 600 Meter ragt dort die Wand empor und scheint von der Ferne betrachtet, nicht kletterbar zu sein.
Zodiac bedeutet eigentlich „Tierkreis“. Wie kommt nun der Erstbegeher zu dem Entschluss, seine Route nach diesen Sternbildern zu benennen?

Ende der 60er Jahre trieb ein Killer, der sich selbst Zodiac nannte, in San Francisco sein Unwesen. Er ermordete mehrere Menschen und konnte bis heute nicht ausgeforscht werden. Jedes mal wenn der Erstbegeher Charlie Porter in der Wand war, um sich weitere Seillängen dieser schweren Tour emporzuarbeiten, geschah in San Francisco ein Mord. Das veranlasste schließlich Porter, seiner Route den Namen Zodiac zu geben. Die Schwierigkeiten dieser Route liegen bei VI 5.7 A3/C3F. Dieser Schwierigkeitsgrad bedeutet folgendes:  VI steht für den Aufenthalt über mehrere Tage in der Wand, 5.7 steht für die Freikletterbewertung einzelner Passagen, A3 bedeutet, dass Sicherungsmittel schwer anzubringen sind und nur mehr wenige Zwischensicherung einen Sturz halten. Es kann daher vorkommen, dass eine Sturzhöhe von bis zu 20 Meter erreicht wird. C3 bedeutet, dass Teile der Route ohne Haken, dh nur durch das Legen von Klemmkeilen und mit sonstigen technischen Raffinessen begangen werden können. F bedeutet, dass bereits einige Zwischensicherungen vorhanden sein können, man sich aber darauf nicht verlassen darf!

"Hook"  

Wir waren erst wenige Tage hier im Yosemite und die Vorbereitungen für diese Tour waren fast abgeschlossen. Wir planten die Route mit zwei Haulbags und einer Portaledge  zu machen. 35 Liter Wasser und genügend Proviant für 4 Tage in der Wand wurden benötigt. Wir waren sehr aufgeregt, weil wir nicht wussten, ob wir mit den für uns unbekannten Schwierigkeiten in der Wand klarkommen würden. Vor allem die Materialfrage war eine interessante und spannende Sache. Wenn man nicht die richtigen Hakengrößen oder Keilgrößen dabei hat, kann das zu einem Problem werden, denn dann wären bestimmte Passagen unpassierbar.

Wir beginnen im Morgengrauen, noch bevor die kalifornische Sonne vom Himmel brennt, unseren Proviant in Etappen zum Wandfuß zu schleppen. Einen Tag später steigen wir in die Wand ein. Die erste Seillänge geht ziemlich glatt und senkrecht fast 45 Meter empor.

Ich muss einen so genannten „Copperhead“ in eine seichte Rissspur mit Hammer und Meißel eintreiben, um die erste schwierige Passage überwinden zu können. Ein ungutes Gefühl, wenn man das zum ersten Mal macht. Vorsichtig belaste ich diesen Copperhead, der gerade einmal mein eigenes Körpergewicht hält. Dieser spezielle Haken besteht aus einer Drahtschlinge, an dessen Ende ein Metallzylinder aus Kupfer oder Aluminium angebracht ist. Dieser Zylinder verformt sich nun beim Einschlagen in eine Felsunebenheit und passt sich deren Form an. Wenn man das richtig macht, hält es so viel, dass man sich daran fortbewegen kann. Einen Sturz würde ein Copperhead niemals halten können. 5 bis 6 solcher Copperhead in Serie hintereinander belasten die Psyche schon enorm, wenn man bedenkt, dass die Sturzhöhe mit jedem geschlagenen Copperhead größer wird. Nach einer Stunde erreiche ich den Standplatz, fixiere das Seil und gebe Martina das Zeichen zum Nachjümarn.

Sie beginnt ihre beiden Steigklemmen in das Kletterseil zu klippen und schiebt diese kontinuierlich vor sich her. Mit den Füssen steigt sie dabei gleichzeitig Schritt für Schritt höher. Dazu kommt noch, dass meine Zwischensicherungen zu entfernen sind, was nicht immer leicht ist. Oft hängt man mit vollem Körpergewicht gerade in jener Sicherung, die zu entfernen wäre. Martina scheint sich jedoch wieder an jene Tricks zu erinnern, welche sie schon in der „Nose“ drei Jahre zuvor praktiziert hatte. Nach einer weiteren Stunde und einigen Schwierigkeiten beim Cleanen, so heißt das Entfernen der gelegten Klemmkeile und der geschlagenen Haken, ist Martina bei mir am Standplatz angelangt. Die nächsten beiden Seillängen sind mit C2+ bewertet und warten mit Überraschungen auf.

"Copperhead"  

Einige sehr glatte Stellen sind zu überwinden und es kommt dabei mein „Hook“ zum Einsatz. Hooks sind kleine hakenähnliche Metallwerkzeuge, die man auf winzige horizontale Felsbänder legt, um sich daran fortzubewegen. Der Hook wird mit einer Steigleiter verbunden und darf nach der Belastung nicht mehr verrutschen.

Ich arbeite mich bis zu einem Felsband namens „Dead Bird Ledge“ empor, nach zwei  weiteren Stunden habe ich es geschafft. Martina und ich beschließen noch die 4. Seillänge in Angriff zu nehmen, damit der Tag auch richtig ausgenutzt ist und wir einen Vorsprung gegenüber möglichen anderen Mitbewerbern haben. Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht wissen, ist der Umstand, dass wir diese Tour die nächsten Tage für uns allein haben werden. Niemand scheint sich dafür zu interessieren. Es ist allerdings auch schon Mitte Juni und die Klettersaison am El Capitan neigt sich langsam dem Ende zu. In den Sommermonaten ist es einfach viel zu heiß für eine Big Wall. Links von unserer Route versuchen sich zwei koreanische Seilschaften an einer anderen Tour. Mühsam kämpfen sie sich mit einer Unmenge an Proviant empor. Sie scheuen es nicht, ganze Regentonnen durch die Wand zu ziehen. In der „North American Wall“ ist noch eine Seilschaft zu erkennen und dann ist auch schon Schluß am sonst so übervölkerten El Capitan. Fast hätte ich vergessen „Pete Piton“ zu erwähnen, der mit einer Frau eine der härtesten und gefährlichsten Routen, die „Wyoming Sheep Ranch“, für die nächsten 3 Wochen belagert. Pete ist uns bereits von früheren Yosemite Aufenthalten bekannt. Er hat fast alle Routen am El Capitan gemacht, die meisten davon Solo, dh ohne Partner.
"Friend"  

Am vierten Standplatz angelangt fixieren wir unsere Seile bis zum Boden und holen unsere beiden „Haulbags“ samt Portaledge herauf. In den Haulbags haben wir unsere Wasservorräte und unseren Proviant samt Biwakausrüstung für die nächsten Tage in der Wand verstaut. Bei den Haulbags handelt es sich um rucksackähnliche Schleifsäcke, die man nachzieht. Eine anstrengende Sache, wenn man bedenkt, dass so ein Sack bis zu 35 kg und mehr haben kann. Die Steilheit der Route erleichtert allerdings das Haulen enorm, da der Haulbag so gut wie nie mit dem Fels in Berührung kommt und somit einiges an Reibung wegfällt.
Mittlerweile fahren im Tal alle Autos mit Licht, und das ist immer ein Zeichen für die rasch hereinbrechende Dunkelheit. Als wir endlich alle Ausrüstung am vierten Standplatz gezogen haben, ist es bereits finster. Die Neumondnacht gibt kein Licht preis. Wir bauen mit Hilfe unserer Stirnlampen das Bett zusammen. Kein leichtes Unterfangen im frei hängenden Zustand. Am Boden ist das alles kein Problem, man geht einmal drum herum und steckt alles zusammen. Hier heroben geht das nicht, da muß man sich mit den Füssen schon gewaltig von der Wand weg spreizen, um an die äußeren Enden des Gestänges zu gelangen. Nach etlichen Drehen und Wenden ist unser Kunstwerk fertig und ich setze vorsichtig meinen Fuß hinein. Es scheint zu funktionieren, doch bevor ich es so richtig registriere, kippt die Portaledge seitlich weg und ich mache beinahe einen Salto in die Finsternis. Da es nur einen einzigen zentralen Aufhängepunkt gibt, ist das ganze Ding anfällig für einseitige Belastungen. Beim zweiten Versuch bin ich schlauer und es dauert nicht lange, bis wir beide gemütlich in unseren Schlafsäcken liegend die Sterne über uns beobachten.

   

Es ist wunderschön, es ist einsam und es ist ein unvergesslicher Moment, wir sind der Zivilisation entsprungen, sind von nun an auf uns allein gestellt und vergessen alles Drumherum. Es gab für uns jetzt nur ein Ziel, nämlich unbeschadet das Gipfelplateau zu erreichen.

Beim ersten Dämmerlicht läutet unser Wecker. Es ist 5 Uhr früh! Einfach aufstehen und die Toilette aufsuchen geht nicht. Wir sind beide an unserem Seil gesichert und der Aktionsraum beträgt gerade mal 1,8 Quadratmeter. Ich mache daher vorerst einmal ein Foto, solche Situationen sind ja nicht alltäglich! Martina beugt ihren Kopf über die Portaledge hinaus und wirft einen Blick auf den 160 Meter entfernten Boden. Wir beginnen einen Tee zu kochen und das Frühstück vorzubereiten. Es gibt Brot, Streichkäse, Wurst und etwas zerquetschten grünen Paprika. Gleichzeitig beobachten wir das Treiben im Yosemite Tal. Die ersten Kleinlastwagen beliefern bereits die Geschäfte mit frischen Nahrungsmitteln. Alle wollen für den Tag gerüstet sein, denn es werden auch heute wieder tausende Touristen in das Tal kommen, um über die Naturschönheiten zu staunen, die Souvenirläden leer zu kaufen und um die Kletterer mit Fernrohren in der Wand zu beobachten.
Portaledge  

Doch das berührt uns jetzt nicht, wir sortieren unserer Ausrüstung, hängen alles wieder feinsäuberlich und geordnet auf unseren Klettergurt und bauen das Bett ab. Bis alles wieder ordentlich verstaut ist und ich bereit zum Weiterklettern bin, vergehen glatte zweieinhalb Stunden. So ist das eben beim Big Wall Klettern, Zeit spielt keine Rolle, an das muß man sich erst gewöhnen. Nur gut, das in dieser Region das Wetter oft über Wochen und Monate stabil bleibt. Sollte das einmal nicht so sein, haben wir immer noch die Möglichkeit, über unsere Portaledge ein wasser- und sturmdichtes Zelt zu hängen.

Unser heutiges Ziel ist der so genannte „Black Tower“. Dieser schwarze Turm mitten in der riesigen Wand hat es in sich. Erstens speichert der dort vorherrschende schwarze Fels die Hitze zu unserem Leidwesen ganz gewaltig und zweitens handelt es ich um eine der gefährlichsten Stellen der gesamten Route. Am Turm angelangt stehe ich mit einem Fuß genau auf seiner schneidähnlichen Spitze. Über mir zieht ein überhängender feiner Riss empor. Ich suche nach einer Stelle, wo ich einen Haken einschlagen kann. Der Riss ist kaum sichtbar und sehr fein. Mir fällt nur mehr mein „Birdbeak“ ein, der hier eventuell passen könnte.
Martina in unserem "urgemütlichen Bett"  
Ein Birdbeak ist ein ganz spezieller dünner Haken, der die Form eines Vogelschnabels besitzt. Wie wild dresche ich auf den Beak ein, sodass mir vorkommt, er würde den Fels spalten.

Anschließend hänge ich meine Leiter ein und belaste vorsichtig. Ich weiß, dass ich mir jetzt auf den nächsten 20 Metern keinen Fehler erlauben darf, da ich sonst im Falle eines Sturzes genau auf die Spitze des Black Towers fallen würde. Die Stelle ist mit A3 bewertet, was bedeutet, dass Zwischensicherungen sehr schwer anzubringen sind und nur mehr wenige einer Sturzbelastung standhalten. Als nächstes lege ich einen „Offset Nut“, das ist ein konischen Minikeil, der relativ gut belastbar ist, sofern er richtig liegt. Bevor ich mich dazu entschließe, die Zwischensicherung voll, dh mit meinem ganzen Körpergewicht zu belasten, teste ich immer sehr genau, was sie hält. So arbeite ich mich Meter um Meter höher. Martina sichert mich angstvoll mitten in dieser Gluthitze. Ich selber scheine auf die Angst zu vergessen, so konzentriert arbeite ich mich höher. Es vergeht eine Stunde und es vergeht eine zweite Stunde. Trotz der hellen Kleidung brennt uns die kalifornische Sonne aus der Wand. Wir trinken sehr viel, es ist gewaltig und unbeschreiblich heiß mitten in dieser schwarzen Umgebung. Mir brennen bereits die Füße vom langen Stehen in den Trittleitern. Um 16.00 Uhr erreiche ich endlich den Standplatz.

Martina und Peter aus der Ferne betrachtet  

Jetzt beginnt nach dem unendlich langen Warten erst für Martina die körperliche Anstrengung. Sie löst die Fixierung unseres ersten Haulbags. Schnell ziehe ich diesen mit meinen letzten Kräften empor. Dann folgen der zweite Sack und die Portaledge. Während Martina nachjümart und die Länge wieder cleant, habe ich genug Zeit, langsam und gemächlich unseren Proviant hoch zu ziehen. Sobald Martina bei mir am Stand ist, übernimmt sie das Hochziehen. Gemeinsam bauen wir unser Bett erneut zusammen. Heute geht es leichter, da wir schon etwas mehr Routine haben, limitierender Faktor ist jedoch unsere Ausgelaugtheit und Müdigkeit. Die Autos im Tal drehen schon wieder das Licht auf und der Tag wird bald der Nacht weichen. Wir setzen unsere Stirnlampen auf, genehmigen uns eine Abendmahlzeit und richten uns für die Nacht. Trotz Müdigkeit kommt Martina auf die Idee, unsere restlichen Wasserflaschen zu zählen. Das Ergebnis ist ernüchternd und lässt mich noch einmal munter werden. Für die restlichen Tage verbleiben nur mehr 2 Liter pro Mann und Nase. Wir hatten heute wegen der Hitze einen sehr hohen Verbrauch, mehr als berechnet! 2 Liter können genug sein, können aber auch viel zu wenig sein. Da wir nicht wissen, welche Schwierigkeiten noch auf uns zu kommen und wir damit rechnen müssen, dass es weiterhin sehr heiß bleibt, überlegen wir die weitere Vorgehensweise. Die meisten Bergungen am El Capitan finden wegen Dehydrierung und Erschöpfung der Kletterer statt. Solche Bergungen sind eine gewaltige Sache und dauern oft ein bis zwei Tage. Auf keinen Fall wollen wir so etwas riskieren. Wir beschließen daher noch am selben Abend, dass wir am nächsten Morgen einen Rückzug machen werden. Wir sind jetzt auf nicht ganz halber Wandhöhe und es ist die letzte Möglichkeit für einen Rückzug. Weiter oben haben wir dann fast keine Chance mehr, da der Fels weit überhängt. All unsere Anstrengungen scheinen umsonst gewesen zu sein. Schwer enttäuscht und entmutigt schlafen wir ein.

Als wir am Morgen mit den Vorbereitungen zum Abseilen beginnen, hat Martina eine super Idee. Ihrer Meinung nach sollten wir zu diesem Standplatz zurückkehren. Das bedeutet, dass wir sämtliche Ausrüstung, die wir für eine Rückkehr hierher nicht benötigen, mitten in der Wand auf diesem Standplatz hängen lassen. Ich beginne zu rechnen und komme zum Schluß, dass wir mit unseren Seilen, selbst wenn wir sie alle zusammenknüpfen würden, den Boden nicht mehr erreichen. Das heißt, wir müssen die Seile beim Abseilen zum Teil abziehen und später dann einige Passagen erneut klettern. Wir nehmen alles Nötige an Material mit und beginnen mit der Talfahrt. Einsam bleiben ein Haulbag und die Portaledge zurück. Am späten Nachmittag erreichen wir unbeschadet wieder festen Boden. Wir laufen zu unserem Auto und fahren auf den Campingplatz, wo wir noch in derselben Nacht mit dem Befüllen von Wasserflaschen beginnen. Wir gönnen uns einen Tag Pause und tragen das Wasser zum Einstieg. Danach statten wir noch Tom, einem Kletterfotografen, einen Besuch ab. Er meint, dass unsere Entscheidung die richtige war, es sei ungewöhnlich heiß und die meisten Kletterer würden aus diesem Grund den El Capitan meiden. Er zeigt uns einige Bilder, die er von uns gemacht hatte. Wir sind begeistert, ich sah mich ganz groß auf der Spitze des Black Tower stehen. So ein Teleobjektiv ist schon eine super Sache.

Neu motiviert starten wir wieder in die Wand. Wir steigen mit unseren Steigklemmen an den Fixseilen empor, klettern einige Stellen erneut und ziehen unser zusätzliches Wasser mit einem Haulbag nach. Wir benötigen einen ganzen Tag, um wieder dorthin zu gelangen, wo wir schon einmal gewesen sind.

Am frühen Morgen des nächsten Tages starte ich in den so genannten „Gray Circle“, ein überhängender Wandteil mit hellem grauen Fels. Ich benutze meine „Cam Hooks“ um schneller voranzukommen. Ein Cam Hook ist ein ganz spezielles Werkzeug, das man in den Riss legt und belasten muß. Es wird dadurch eine Torsionskraft erzeugt und der Cam beginnt zu klemmen. Sobald die Belastung wegfällt, fällt auch der Cam wieder aus dem Riss. Wenn man diese Art von Kletterei nicht gewohnt ist kommt man ganz schön ins Schwitzen, nicht von der Anstrengung sondern eher von der Angst. Ich dachte mir immer, wenn es bei anderen Kletterern funktioniert, muß es auch bei mir gehen! Nach einiger Zeit bekommt man dann ein Gefühl dafür. Man lernt offenbar nie aus, selbst hier heroben in dieser steilen und überhängenden Wand nicht.

Die Stunden vergehen und am Nachmittag hatten wir 2 Seillängen geschafft. Wir sind bereits etwas müde, doch müssen wir heute unbedingt noch eine Länge machen, damit wir im Zeitplan bleiben. Die nächste Seillänge heißt „Nipple Pitch“ und das zu Recht, denn von der Ferne betrachtet schaut die Felsformation tatsächlich wie eine Brustwarze aus. Es handelt sich hier um die Schlüsselseillänge, das heißt um die schwierigste Seillänge der ganzen Tour. Unter einem langgezogenen dachartigen Felsüberhang befindet sich ein schmaler horizontaler Riss mit einer Länge von ungefähr 15 Metern. Die Haken müssen dort von unten nach oben eingeschlagen werden und Keile sind nur schwer anzubringen, da der Riss nicht sehr tief ist. Es besteht auch die Möglichkeit, Cam Hooks zu verwendet, vorausgesetzt man traut sich einen invertiert gesetzten Cam auch zu belasten!
Peter und Martina am "Black Tower"  

Vorsichtig und ruhig arbeite ich mich diesen Riss nach rechts und als ich endlich die Nipple erreicht habe, mache ich ein Foto von Martina. Sie hängt ganz einsam mit unseren beiden Haulbags am Stand und verfolgt gespannt meine Bewegungen. Ich weiß, dass es für sie sehr schwer wird diese Seillänge zu cleanen. Auf 50 Meter Länge hängt der Fels 15 Meter über. Die letzen Meter zum Standplatz unter dem berühmten „Mark of Zorro“ Dächern gestalten sich noch einmal schwierig. Sie sind wieder mit A3 bewertet und ich muss ganz spezielle und von mir abgesägte Haken, so genannte „Sawed Angles“ verwenden, da die originalen zu lang für diesen Riss wären. Das Absägen habe ich natürlich bereits während der Vorbereitungsphase am sicheren Boden erledigt. Ein amerikanischer Kletterer hatte mir die nötigen Tipps dazu gegeben.

Es ist 18.00 Uhr, als ich den Standplatz erreiche. Der Kletterfotograf im Tal hat die Brücke am Fluss, wo er immer steht, bereits verlassen. Martina läßt unsere Haulbags in die Luft hinaus, und es ist tatsächlich so, dass die Säcke mindestens 15 Meter von der Wand entfernt hängen. Unglaublich, während der Kletterei ist mir diese extreme Ausgesetztheit gar nicht aufgefallen. Die Haulbags zeigen nun die senkrechte Linie sehr deutlich. Wie ein Lot hängen sie an unserem Seil. Martina beginnt mit dem cleanen. Es wird einige Zeit dauern, bis sie bei mir am Standplatz sein wird. Ich habe in der Zwischenzeit genügend Zeit, die Gegend zu betrachten und den Haulbag hoch zu ziehen.
Peter am Standplatz, es ist sehr steil und ausgesetzt!  

Der Half Dome, der das Valley im Osten begrenzt, beginnt sich komplett rot zu färben. Ein alltägliches Schauspiel, wenn sich die Sonne am Abend dem westlichen Horizont nähert. Langsam ziehe ich den Haulbag Zentimeter für Zentimeter höher und ich nutze dabei das Gewicht meines Körpers als Gegenlast, damit es leichter geht. Plötzlich bemerke ich, dass das Haulbagseil beschädigt ist. Der Seilmantel war an einer Stelle besonders stark abgerieben und man konnte den Kern des Seiles bereits deutlich sehen. Das war schlecht, denn wenn dieses Seil unbrauchbar wird, haben wir ein Problem. Ich beschloß daher, die defekte Stelle mit einem Tape zu kleben, um so ein weiters Aufspleißen des Seilmantels zu verhindern.

Kurz schaue ich nach Martina, kann sie aber immer noch nicht sehen, denn sie befindet sich  unter der Nipple. Über mir stehen drei riesige, schwarze und weit ausladende Dächer. Die Amerikaner bezeichnen diese Dächer als „Mark of Zorro“.

In diesem Moment meldet sich Martina mit einem Juchizer, sie hat das Ende der Nipple erreicht. Es fehlen ihr nur mehr zehn Meter bis zu mir am Standplatz. Ich schieße unsere Seile ordentlich auf und überlege mir, auf welchen Haken wir unsere Portaledge dieses Mal hängen.
Blick von oben zu Martina, die am Seil nachsteigt  

Martina schafft schließlich auch noch die letzten Meter und gemeinsam beginnen wir nun das Bett aufzubauen. Doch heute will es nicht so richtig funktionieren. Wir haben ein arges Durcheinander mit den Gestängen. Es hört sich wie ein Windspiel an, wenn die Alustangen durch die Bewegungen untereinander zusammenschlagen und man hat das Gefühl, das ganze Tal kann dieses Klimpern hören. Dazu kommt, dass der Standplatz sehr überhängend und ausgesetzt war. Wir nutzen unsere kurzen Trittleitern, damit wir einigermaßen stehen können. Es ist sehr mühselig und wir sind bereits sehr müde von den gewaltigen Strapazen des heutigen Tages. Wir wissen jedoch, dass das Bett unsere Rettung ist, und dass wir noch einmal alles geben müssen, um es aufzubauen. Die ganze Nacht im Gurt hängend zu verbringen, hätte fatale Folgen und wir wären morgen nicht mehr in der Lage auch nur einen Meter zu klettern.

Nach einigen Versuchen schaffen wir es dann schließlich doch. Endlich ein ebener Fleck, ein Stückchen „Boden“ unter den Füssen. Nun kann man den Klettergurt entlasten und den Körper fallen lassen. Es ist eine Wohltat für den gesamten Stützapparat und die Muskeln.

Am Morgen öffne ich die Augen und sehe über mir drei riesige schwarze Dächer. Ich richte mich auf und merke, wie mir der ganze Körper weh tut. Zu diesem Zeitpunkt kann ich mir noch nicht vorstellen, wie ich heute über diese gewaltigen Dächer klettern soll. In einer Big Wall gibt es kein Zurück, man kann nicht einfach aufhören und nach Hause gehen. Das ist oft der Unterschied zu anderen Sportarten. Genau dieser Umstand bewirkt eine gewaltige psychische und physische Anspannung und Belastung über mehrere Tage.
Von der Ferne betrachtet sieht das so aus!  
Das Mark of Zorro stellt dann aber kein Problem dar, wir kommen gut voran und haben die steilsten Überhänge hinter uns. Nun wird die Wand wieder senkrecht. Das heutige Etappenziel ist das „Peanutledge“ und wir erreichen es mühelos. Ich stelle mich an das Ende von diesem Felsband und blicke in die Tiefe. Es sieht aus, als würde ich auf einer Staumauer stehen und hinabschauen. Die Wand wölbt sich unter mir nach innen, unten sehe ich eine Seilschaft in den ersten Längen der Zodiac. Das muss der Amerikaner Zak sein, der mit seiner Freundin die Tour machen wollte. Für ihn ist es eine reine Routineangelegenheit, denn er kennt die Zodiac bereits von mehreren Begehungen. Er ist es auch, der uns gute Tips und einen Einblick in die amerikanische Bigwalltechnik gegeben hat. Ein sehr freundlicher und netter Bursche, mit einem Hauch von Verrücktheit.
Nichts für schwindlige Typen und schwache Nerven!  
Peter klettert die "Nipple Pitch" Die "Nipple" sieht tatsächlich wie eine (weibliche) Brustwarze aus!
Der Haulbag gibt die senkrechte Linie vor! Höchste Konzentration ist in dieser Route erforderlich!
Blick von der "Nipple Pitch" zurück zu Martina Die steilen Dächer des "Mark of Zorro"
Martina unter dem dritten Dach des "Mark of Zorro"
Peter zieht gerade den Haulbag hoch.
Ohne Wecker hätten wir vor Müdigkeit womöglich den Tag verschlafen!
Blick in das Tal zum "Merced River" Martina arbeitet sich trickreich empor
Die letzte Nacht in der Wand am Peanutledge ist eine sehr angenehme für uns, da wir wissen, morgen würden wir bereits am Gipfelplateau schlafen. Nur noch ein Tag voller Konzentration und Anstrengung steht uns bevor. In der ersten Seillänge am letzten Tag passiert mir dann aufgrund einer kleinen Unachtsamkeit ein kurzer Sturz und ich hänge in der Luft. Erschrocken raffe ich mich aber gleich wieder auf und versuche die Stelle noch einmal. Ich muss über ein sehr steiles kurzes Dach hinaussteigen. Es gelingt und ich rufe zu Martina „Stand“. Sie jümart rasch bis unter das Dach. Ich verlängere meine Selbstsicherung so weit, dass ich ebenfalls in das Dach einsehen kann und fotografiere Martina dabei, wie sie das Dach trickreich cleant und überwindet. Der Wind ist am heutigen Tag sehr stark und erschwert das Fortkommen. Ständig muss ich mit Hilfe meiner Zähne die senkrecht nach oben geblasenen Trittleitern herunterholen, um mit meinen Füssen hineinsteigen zu können. Die letzte Seillänge unter dem Gipfelplateau ist noch einmal mit A3 bewertet. Ich schlage noch einmal einen Cooperhead, um die Stelle zu überwinden. Noch ein kurzer Rechtsquergang und ein letzter Blick in die steile Wand hinunter zu Martina, bevor ich meine Füße auf das ebene Plateau schwinge. Zum letzten Mal baue ich den Standplatz auf und fixiere das Seil für Martina. Nach einer halben Stunde ist sie bei mir angelangt und gemeinsam ziehen wir unsere Haulbags über die Ausstiegskante. Wir haben es geschafft! Es ist ein unbeschreibliches Gefühl und wir können es kaum fassen, unsere zweite Big Wall nach der „Nose“ im Jahre 2004 am El Capitan vollendet zu haben.
Peter in den letzten Seillängen  
Endlich:  nach 4 Tagen am Gipfel Sonnwendfeuer am El Capitan
Martina

Peter

Wir suchen nach einem geeigneten Biwakplatz für die Nacht und bereiten das Abendessen vor. Wir richten uns ein dreigängiges Menü. Es gibt Trockenfleisch mit scharfem Senf, eine Nudelsuppe, Brot, Salami und Käse. Als Nachspeise erfreuen wir uns an Dosenfrüchten und einem Stück Schoko. Wir genießen den Sonnenuntergang, der wieder einmal den Half Dome glutrot färbt. Ich sammle Holz und wir zünden ein Lagerfeuer an und feiern unsere Tour noch bis spät in die Nacht. Es ist der 21. Juni und es ist Sonnenwende. Ohne es geplant zu haben, haben wir ein Sonnwendfeuer am El Capitan entzündet! Wir sind so glücklich, dass wir lachen und zugleich fast weinen. Ein unvergesslicher Moment, der sich ein Leben lang in unserem Kopf abspeichern wird.

ENDE
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